Was bedeutet mir Bartók?

zurück

 

Je länger ich über die Aufgabe nachdachte, etwas über Bartók zu sagen, zu schreiben, desto schwieriger erschien sie mir. Was bleibt mir übrig, über ihn zu sagen?! Daß er einer der größten Tonschöpfer unseres Jahrhunderts war, neben Strawinsky und den Komponisten der 2. Wiener Schule, steht außer Zweifel. Und wenn aus Anlaß des 100.Geburtstages überall besondere Konzertreihen sich seinem Werk widmen, ist dies nicht etwa ein Zeichen dafür, daß man sich eines zu Unrecht vergessenen Komponisten erinnert, um ihm posthum die gebührende Bedeutung zu bescheinigen, wie dies durchaus manchesmal bei anderen runden Geburts- und Todestagen irgendwelcher Autoren geschieht. Vielmehr ehrt und würdigt man einen Komponisten, dessen Musik zu Recht ihren festen Platz in allen Konzertsälen der Welt hat und dem kein ernstzunehmender Interpret aus dem Wege gehen kann. Das Gedenkjahr bietet zudem die großartige Möglichkeit, auch einmal die Bekanntschaft mit seltener zu hörenden Stücken zu machen, auch gerade mit den sehr frühen, um so zu einem noch umfassenderen Bartók - Bild zu kommen. Über Bartóks Bedeutung, die Stellung seiner Musik in ihrer geschichtlichen Umgebung ist mehrfach nachgedacht und geschrieben und sicherlich viel Wichtiges und Richtiges gesagt worden. Ich selbst sehe mich außerstande, etwas Allgemeingültiges über diesen Komponisten zu sagen, dessen Musik ich wie kaum eine andere schätze und liebe. Urteile von Komponisten über Komponisten sind ganz grundsätzlich nicht unproblematisch; zudem bin ich befangen: ich stehe hier vor dergleichen Schwierigkeit, wollte ich meine Liebe zu einer Frau erklären. Alles was mir einfällt und was ich sagen möchte, scheint mir im gleichen Moment nicht mehr genau genug, scheint nur ein kleiner Teil der ganzen Wahrheit zu sein. Der tiefere Grund dieses sehr innigen Verhältnisses verschließt sich dem Zugriff durch das beschreibende und erklärende Wort. So kann ich eigentlich nur versuchen, darüber nachzudenken, wie es zu dieser tiefen und leidenschaftlichen Bartók - Liebe gekommen ist, zu berichten über meine ersten Begegnungen mit einem um zwei Generationen älteren Komponisten.

Wie wohl in jedem guten Klavierunterricht spielte auch ich, kaum daß ich die Finger richtig auf der Tastatur des Instrumentes bewegen konnte, die Stücke aus dem „Mikrokosmos“. Und daß ich als 11-jähriger die Bartók-Sonatine mit wesentlich größerer Begeisterung spielte als etwa eine Beethoven-Sonatine oder ein Mozart-Stück, ist in Hinblick auf das Alter des jungen Musikus nur verständlich.

Das Komponieren einer eigenen Sonatine in deutlichem Bezug zur Bartók-Sonatine (es war einer meiner ersten ernstzunehmenderen Kompositionsversuche), ist der schon für sich sprechende Ausdruck der Faszination, die Bartóks Musik mit ihren unregelmäßigen Rhythmen bei mir schon früh auslöste. Daß die besondere Affinität zur osteuropäischen Musik und zum osteuropäischen Volksliedgut vielleicht auch durch die Herkunft meiner Vorfahren zu erklären sein kann, sei nur am Rande erwähnt. Schon als Kind lernte ich Volkslieder aus Schlesien, Polen und Ungarn durch meinen Vater kennen, die mich eigentümlich berührten. Aber das wohl erste tiefe, ganz einschneidende Erlebnis mit Bartóks Musik war die Begegnung mit seinem 5. Streichquartett in einem Konzert mit dem Budapester Bartók-Quartett in meiner Heimatstadt Ahaus.

Welche Betroffenheit dieses Quartett (es ist mit dem 4. und 6. auch heute noch eines der von mir am meisten geschätzten Streichquartette) damals bei mir auslöste, vermag ich nun kaum noch zu sagen und zu beschreiben. Welche unerhörten, ungehörten musikalischen Welten eröffneten sich mir! Ein musikalischer Makrokosmos, dessen Dimensionen ich erahnen, dessen Zusammenhänge ich damals aber kaum zu überschauen vermochte!

Ganz ähnlich erging es mir bei der ersten Begegnung mit der "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta". Nachdem ich nach Fertigstellung einer Sinfonietta für Streichorchester (1968) mich traute, diese heimlich geschriebene Partitur meinem Vater zu zeigen, gab dieser mir die Bartók-Partitur, die ich anschließend begierig wie ein spannendes Buch in mich aufsog. Ich konnte es kaum abwarten, die Musik wirklich erklingen zu hören. Daß dies durch eine alte Schallplatte mit Fricsay geschah, einem der besten Bartók-Kenner und -interpreten, betrachte ich heute als einen glücklichen Zufall. Kaum eine andere Schallplatte hat damals so oft auf meinem Plattenteller gelegen. Diese Musik wurde meine tägliche Begleiterin.

Erst einige Zeit. später, 1972/73, setzte ich mich auch kompositorisch mit, diesem gewichtigen 0pus  Bartóks auseinander. In meinem Kammerorchesterstück "Reflectioni" (hommage à Bartók) ist Mittelpunkt und Kernstück der Verarbeitung das Fugenthema des ersten Satzes, das sich in vier kurzen Motiven mit hochexpressiven Tonfolgen im Raum von nur einer Quinte entwickelt und mich in seiner chromatischen Gedrängtheit besonders fasziniert hat. Später erst entdeckte ich in der musikalischen Gestik und Harmonik der Tonfolgen einen merkwürdigen Brückenschlag zu zwei anderen Fugenthemen aus anderen Epochen: zu dem Anfang des cis-moll Streichquartetts op. 131 von Beethoven und der cis-moll Fuge aus dem 1 Teil des Wohltemperierten Klaviers von Bach. Hier wird musikalischer Ausdruck plötzlich zeitlos, Vergangenes und weit Auseinanderliegendes verschmilzt zu einem Punkt.

Ich glaube, daß gerade in dieser sehr frühen Begegnung mit Bartóks Musik, also einer mehr instinktiven, impulsiven und weniger reflektierten Beschäftigung die tieferen Wurzeln für meine Bartók-Bewunderung zu suchen sind. Wie kann für einen Komponisten meines Alters Bartók heute Vorbild sein, für einen Komponisten mit einem durch vielfältige Erfahrungen geschärften Bewußtsein für musikalische Werte, für jemanden, der die Schwierigkeiten des Komponierens am eigenen Leibe gespürt hat? Was mich fesselt, ist nicht nur die äußere Wirkung, seine Rhythmen, sondern vielmehr die Genauigkeit seines Komponierens. Es gibt bei ihm keine Note, die nicht ihre Funktion im Geschehen des Ganzen hat. Analysiert man Bartóks Musik, fällt

die in sich logische, genau geplante Struktur der Form und Harmonik auf. Da trifft er sich fast - wenngleich auch unter ganz anderen Vorzeichen - mit der Schreib- und Arbeitsweise von Anton Webern. Ist Weberns subtile Musik der Aussparung mehr nach innen gekehrt, besticht Bartók vornehmlich durch seinen impulsiven Gestus; doch welche Tiefen und sensible Feingliedrigkeit hat auch ein langsamer Satz bei ihm! Seine geradezu unbändige, elektrisierende Motorik ist nicht weniger

mitreißend als etwa die Bizarrheit eines Strawinsky.

Bei Bartók sind zwei scheinbar unvereinbare Dinge miteinander verschmolzen: Kalkül und Expression, Genauigkeit und Gefühlsintensität. Und eben darin ist er mir Vorbild. Da habe ich von ihm lernen können. Bartók, der erstaunlicherweise eigentlich keine Schule gebildet hat, war in meinen jungen Jahren sicher mein wichtigster Lehrer. Seine Musik ist zu einem nicht geringen Teil Grund dafür, daß ich Komponist geworden bin.

 

© 1981 Michael Denhoff

 

 

            zurück