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Klänge – Worte – Farben

 

Selbstverständlich bin ich zunächst (und an erster Stelle) Musiker, und dabei sicherlich in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung vor allem Komponist, wenngleich mir als zudem ausübendem Musiker das Cellospielen stets mehr als nur eine kleine zusätzliche Möglichkeit des Sich-Aus-Drückens war und ist, eine nach-schaffende künstlerische Betätigung, die dem Komponisten in mir so unendlich viele wertvolle und beglückende Erkenntnisse über Vorgänge und Zusammenhänge von Sprache und Ausdruck, Gestalt und Emotion gebracht hat. Schon in meiner frühen Jugend war aber zudem die Malerei (auch praktisch) ein emotionales Terrain, welches mir wie ein zweites Zuhause erschien, ohne dort in letztlich professioneller Hinsicht eine Ausbildung genossen zu haben. Ich erinnere mich, wie ich mich an Bildern und Farben regelrecht „berauschen“ konnte, und wenn ich Farben sah, assoziierte ich unwillkürlich Töne und Klänge. Und auch die Dichtung hat mich sehr früh magisch angezogen: wie habe ich schon als Schüler Celan, Rilke, George oder Trakl verschlungen! – die besondere Liebe zu diesen Autoren ist bis heute ungebrochen! (So viele Andere sind natürlich mittlerweile hinzugekommen!) Und irgendwann fing auch ich an – zunächst nur für mich – vornehmlich Kurzgedichte zu schreiben.

 

Warum diese kurze Vorrede? –

Ich denke, diese kleine Skizze zu dem, was mich schon früh geprägt hat, kann erklären, warum die von mir seit 2009 künstlerisch betreute Reihe WORTKLANGRAUM[1] im Dialograum Kreuzung an Sankt Helena[2], einem nicht mehr als solchem genutzten Kirchenraum im Bonner Norden, uneingeschränkt als eine eigentlich fast natürliche Entwicklung meiner künstlerischen Aktivitäten angesehen werden kann.

Entstanden war die Idee für dieses Format Ende 2008 bei gemeinsamen Überlegungen mit Dr. Josef Herberg, dem damaligen Leiter des Katholischen Bildungswerkes[3] und Raimund Blanke, dem Pfarrer der Gemeinde zu der St. Helena gehört, wie man diesen leerstehenden Kirchenraum regelmäßig wieder mit Leben füllen könnte, in einem Geist, der dem besonderen Ort entspricht. Mein Vorschlag, schwerpunktmäßig Neue Musik und Literatur zu verbinden und die thematischen Abende dezent am Kirchenjahr / Jahreszeiten zu orientieren, fand sofort Zustimmung und ich bin dankbar, daß das Katholische Bildungswerk die Reihe bis heute finanziell wie ideell trägt.

Bei den monatlich stattfindenden, rund einstündigen Abenden, treten unter einem bestimmten knappen Motto überwiegend zeitgenössische Musik und Literatur in einen Dialog miteinander. Dabei spielen bei der Zusammenstellung oftmals spontane und assoziative Aspekte eine Rolle, und das Wechselspiel von Erklingendem und Gelesenem ist so angelegt, daß „synaptische“ Bezüge zwischen Musik und Wort entstehen, die durchaus manchmal überraschen können (selbst mich, der diese „Gesamtkomposition“ dramaturgisch plant)! Auch wenn es keine expliziten Zusammenhänge gibt (was nur in gelegentlichen Ausnahmen gegeben ist, wenn sich eine Musik beispielsweise ganz ausdrücklich auf ein bestimmtes Werk der Literatur bezieht), wirken die gehörten Texte und ihre Poetik auf die Wahrnehmung der anschließend erklingenden Musik, und auch umgekehrt: das eben Verklungene schwingt mit und im inneren Ohr weiter, wenn man wieder den Worten eines Gedichtes oder Prosatextes folgt. Die Feinjustierung einer solchen Zusammenstellung erfordert oftmals längere Zeit, doch beglückender Weise, gelingt dies gelegentlich auch überraschend flüssig und fast wie selbstverständlich.

Eine ähnliche Erfahrung mache ich selbstredend auch beim reinen Komponieren: meist ist die Genese eines neuen Werkes langwierig und zähflüssig und es benötigt viele Skizzen, Entwürfe (und mehrfaches wieder Verwerfen), ein Abwägen der Tragfähigkeit für weitere Entwicklungen, bis die klangliche (& emotionale) Textur zögerlich Konturen gewinnt und sich das Gefühl einstellt, es könnte etwas werden. Nur in seltenen Fällen kann zur eigenen Überraschung aber auch einmal in nur fünf Tagen ein ganzes Streichquartett entstehen, geradezu rauschhaft, kaum daß man begonnen hat, sich alles so selbstverständlich und natürlich, scheinbar völlig schlüssig einstellt, als schiene jemand anderes die eigene Hand bei der Niederschrift zu führen. Dies sind die glücklichsten Momente bei der Arbeit!

 

Bei den WORTKLANGRAUM-Abenden können aber auch Musik und Texte einmal nicht allein im Wechsel, sondern synchron oder auch verschränkt auftreten, wenn z.B. die Musiker spontan zur Lesung mit ihren Instrumentalklängen improvisierend reagieren, also interaktiv im Jetzt des gemeinsamen Gestalt-Werdens, und somit die Energien und Emotionen der Worte direkt und ebenfalls assoziativ auf eine musikalische Textur einwirken oder auf diese abfärben.

Die Verbindung von Klang und Wort sind typisches Merkmal der Reihe seit Anbeginn. Immer wieder aber gesellte sich zudem die bildende Kunst hinzu, wie beispielsweise in den acht Ausgaben des 5. Jahrgangs 2013, wo alle Motti Textbildern des Hannoveraner Künstlers Giso Westing entlehnt waren, und diese Bilder am jeweiligen Abend großflächig projiziert wurden.[4] Damit wurde ein weiteres Sinnesorgan der Zuhörer/Zuschauer angesprochen.

Zum Jubiläum des 50. Abend unter dem Motto „ewig“, der am 1. April 2015 in die Passions- und Osterzeit fiel, lud ich den Künstler Andreas Reichel ein, eines seiner überdimensionalen „Fastentücher“ zu hängen, dort, wo in Sankt Helena einst während der Nutzung als Kirchenraum noch das Kreuz hing[5]. Auch die ausgewählten Texte (u.a. aus einer altägyptischen Totenliturgie) und die feinsinnig langsame Musik auf den skulpturalen Instrumenten des Dresdener Stahlquartetts schufen eine besondere Gesamtatmosphäre, die in ihrer fast liturgischen Gestalt an die ursprünglich Funktion des Dialograums als Kirche erinnern konnten.

Es geht mir bei solchen Verbindungen aber nie um ein modisches oder gar multimediales „Crossover“ diverser Künste, wie es Rainer Nonnenmann bei seiner Besprechung des Abends in der Mai-Ausgabe (2015) der NMZ[6] zu Recht feststellte: hier darf jede Kunstform sie selbst sein, um sich im eigenen Medium mit ihrem spezifischen Material zu entfalten. Dennoch stiftet der Wechsel von Solo- und Kammermusikwerken mit von Schauspielern rezitierten Texten im Anblick von Malerei oder Plastik mehr ästhetischen Dialog als manch technoid aufgeplustertes Gesamtkunstwerk.

 

Auf einen Abend möchte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher eingehen, weil dort für mich völlig unerwartet – durch die Zufälle des Lebens sozusagen – die Hinzunahme eines Werkes der bildenden Kunst geradezu zwingend wurde und (anders als sonst üblich) auch nur eine Komposition und ein Prosatext im Mittelpunkt standen. Zusätzlich gab es in der gegenseitigen Verzahnung diverse unterirdische Verweise in die vergangene Musik- und Literaturgeschichte; und es war in mehrfacher Hinsicht ein besonders musikalischer Abend, weil in allen drei beteiligten künstlerischen Sparten eine spürbare Affinität zu musikalisch-kompositorischen Techniken und Denken bemerkbar war. Dies schuf eine besonders beglückende Symbiose von Klängen, Worten und Farben.

Für die 75. Ausgabe am 2. Mai 2018 unter dem Motte „verändert“ hatte ich den armenischen Pianisten Stepan Simonian (einem Meisterschüler aus der schon legendären Klasse des großartigen Evgeni Koroliov in Hamburg) eingeladen, meine rund einstündigen „Bach-Variationen“ (2013-2015)[7] zu spielen. Diese Variationen, welche die Sarabande aus der 5. Suite für Violoncello solo als Thema haben, sind in sieben Vierergruppen gegliedert. Alle 28 Variationen sind jeweils einer Person (Komponisten, Dichter, Künstler, Freunde und Verwandte) gewidmet und sie sind oftmals zugleich wie ein musikalisches Portrait des Widmungsträgers. Zwischen den Vierer-Gruppen sollten jeweils vier der „Variationen in Prosa“ (2013) des in Wien lebenden Autors Michael Donhauser gelesen werden. Mit Prosa und Lyrik von Michael Donhauser bin ich seit Jahren vertraut, habe in den Jahren 2011-12 seine 52 „Schönsten Lieder“ zu einem abendfüllenden Vokalzyklus vertont und war von Anfang an fasziniert von der besonderen Musikalität seiner poetischen Stimme, deren „entfernte Nähen“ mir bei Hölderlin, Rilke und Trakl zu suchen sind. Die Landschaften und Naturbilder, die der Autor zu Liedern in Sätzen formt, sind gleichzeitig Seelenlandschaften, Natur und Mensch bilden hier im kunst-immanent romantischen Sinne eine untrennbare Einheit, und diese Seelenlandschaften befinden sich in einem permanenten Wandel der poetischen Wahrnehmung, verändern sich also, werden variiert.

Meine erste Variation ist Michael Donhauser gewidmet, der seine „Variationen in Prosa“ in dem Jahr veröffentlichte[8], in dem ich mit meiner Arbeit an den Bach-Variationen begann.

 

Wenige Tage vor besagtem Mai-Abend der Reihe hatte ich eine Einladung von Frank-Rüdiger Hildebrandt[9], mir in seinem Atelier neue Arbeiten anzuschauen. Überwältigt war ich dort vor allem von einem modulen, riesigen Bild von ca. 2 mal 12 Metern, welches man ob der Größe gar nicht mit einem Mal erfassen konnte. Es lud – auch wegen des überdimensionalen Formates – dazu ein, es von links nach rechts zu „lesen“, fast wie eine Partitur, nur aus Farben und Formen, die von einer ersten schlichteren Setzung ausgehend sich in Etappen verändern, um am Ende in ein fast monochromes Weiß zu münden. Während dieses „Lesens“ – und hiermit kommt der Faktor Zeit ins Spiel, der maßgeblichen Komponente aller Musik, aber natürlich auch bei der Lektüre von Texten unverzichtbar ist – mußte ich spontan an die kompositorische Anlage meiner Bach-Variationen denken, deren Form hier (vom Maler völlig unbeabsichtigt) wie nachgezeichnet wiederzufinden war: zunächst das Thema, dann die (bei mir 28) Variationen und schlußendlich das Thema als Wiederholung (wie wir es auch von Bachs „Goldberg-Variationen“ kennen), nun aber auf das Schlichteste reduziert, was dem monochromen Weiß zu entsprechen schien.

Mir war mit einem Mal klar, daß dieses große Bild[10] unbedingt als dritte künstlerische Artikulation zu unserem Wortklangraum-Abend zum Motto „verändert“ gehörte! Der Künstler war bereit, den Aufwand zu betreiben, nur für diesen Abend diese überdimensionale Arbeit im Dialograum zu hängen.

Ich denke, dieser Abend[11] wurde dadurch nicht allein für alle Mitwirkenden, sondern auch für alle Anwesenden ein ganz besonderes eindringliches Erlebnis!

 

Der WORTKLANGRAUM ist ein durchaus anspruchsvolles Format, versteht sich aber auch als eine Art Angebot, durch Innehalten und Sich-Zeit-Nehmen der sich scheinbar immer irrsinniger beschleunigenden Gegenwart etwas entgegenzusetzen, etwas, das einlädt, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, und bei aller Anstrengung und Konzentration auf das Angebotene im glücklichsten Fall zu überraschenden Erkenntnissen zu kommen. In der Auseinandersetzung mit Kunst, welcher Art auch immer, treten wir ein in einen geistigen (geistlichen?) Raum, der mehr als nur drei Dimensionen besitzt.

Musik und Kunst beginnen dort, wo beschreibende Worte nicht mehr hinreichen. Erst sprachlos eröffnet sich uns als Betrachter und Zuhörer der Bereich von Transzendenz. Es ist eine beglückende Erfahrung, daß wir offenen Ohres und Auges so erkennen, was wir zwar vielleicht glaubten zu wissen oder zu ahnen, aber nicht zu benennen vermochten, weil diese „Wirkung aus dem Geistigen kommt und zutiefst im Erstaunen der Seele liegt“, wie Bernd Alois Zimmermann[12] es einmal formuliert hat.

 

 

Michael Denhoff, im August 2020 

 

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Anhänge:

 

1. Michael Denhoff, Bach-Variationen op. 114, Schluß (Sarabande)

 

2. Michael Donhauser, Variationen in Prosa (zwei Auszüge) – mit freundlicher Genehmigung und © MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH.

 

Und was da war, es nahm uns an, verloren ging, was streifte noch als Lächeln bald die Frage, ob, denn wo sie war, so nah verzweigt, war Früchten gleich, die reiften, fiel, was schön war, gross, was ungetrübt, es war ein Weg, ein Duft, und was durchs Laub als Luftzug fuhr, das war ein Sehen, war wie Wut, erinnert schon als Lust und schau, wie standen wir am See im Licht, da voll die Dolden, da der Tag uns gütig fast umfing, mit Armen, die wie trunken noch erblühten dann und sanken, süss und mild.

 

Wenn es auch war, dass wärmer ein Tag uns lockte oder schien, wenn Dornen am Gestrüpp wie Beeren spiegelten die Bläue und fern als Mauer standen die Wolken, dass hell sich wölbte und herbstlich der Himmel, dass wogten die Zweige und seufzend sich wand oder leise sinkend wie Laub bald fiel, bald wie Gräser sich beugte, was brach dann auf, reifend voll wie dargeboten auch, da still gab nach und wankend wich, da schattig mischte sich ins milde Licht ein kühler Hauch von innigem Verzagen.

 

3a. Frank-Rüdiger Hildebrandt, „Glückliche Reise“  (Ausschnitt) - („Thema“?)

 

3b. Frank-Rüdiger Hildebrandt, „Glückliche Reise“ (Gesamtansicht der Hängung im Dialograum)

 

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[1] http://www.wortklangraum.de

[2] http://www.kreuzung-helena.de/home/

[3] https://bildung.erzbistum-koeln.de/bw-bonn

[4] http://www.wortklangraum.de/textbilder.htm

[5] http://www.wortklangraum.de/Reichel_Fastentuch.jpg

[6] https://www.nmz.de/artikel/dialograum-der-kuenste

[7] Die Druckausgabe der „Bach-Variationen“ ist bei der Edition Gravis erschienen:

https://www.editiongravis.de/verlag/product_info.php?info=p2059_Bach-Variationen.html

[8] erschienen bei Matthes & Seitz Berlin: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/variationen-in-prosa.html

[9] Website von Frank-Rüdiger Hildebrandt: https://www.kukubu.de/

[10] Diesem Bild gab der Künstler später bei einer etwas veränderten Hängung an anderem Ort den Titel „Glückliche Reise“.

[11] Ein Live-Mitschnitt des Abends ist zu finden unter: https://www.youtube.com/watch?v=7zTTfk3GAYE, das detaillierte Programm hier: http://www.wortklangraum.de/wortklangraum2018.htm#drei

[12] Kürzlich jährte sich zum 50. mal der Todestag dieses Komponisten; seine Musik war selbstverständlich bereits mehrfach im WORTKLANGRAUM zu hören.