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Leben heißt resonieren

Ein verbaler Widerhall auf Michael Denhoffs „Re-Sonanzen“

von Rainer Nonnenmann

 

Aus dem lateinische Verb „sonare“ – erschallen, klingen, tönen – macht das kleine Präfix „re“ ein Gegen-, Wider- und Wiederklingen. Resonanzen gibt es nahezu überall in Alltag und Musik. Dafür verantwortlich sind die physikalischen Grundgesetze von Ursache und Wirkung sowie der Energieerhaltungssatz. In der Akustik bedeutet eine Resonanz das Mitschwingen eines Körpers, der durch eine von außen einwirkende primäre Erregungsfrequenz seinerseits sekundär in Schwingung versetzt wird, umso stärker, je mehr das Spektrum seiner Eigenfrequenzen mit dem der Erregungswellen übereinstimmt. Sämtliche Musikinstrumente haben daher Resonanzkörper, die besonders gut mitschwingen, um den Klang zu verstärken und charakteristisch zu färben. Je nach Art der Klangerzeugung haben diese Resonatoren eine unterschiedliche Materialität, Bauweise und Dimensionierung. Der Kontrabass verfügt über einen sehr raumgreifenden Korpus aus Holz, einem Stoff mit sehr guten Schwingungseigenschaften, der idealerweise sämtliche auf den Saiten gespielte Töne gleichmäßig gut resonieren lässt. Die Luftsäule im metallischen Rohr der Pikkoloflöte hat dagegen nur ein minimales Volumen, das sich durch Öffnen oder Schließen der Klappen und Löcher stufenweise verkürzen oder verlängern lässt, um verschiedene Frequenzen ansprechen zu lassen. Beim Marimbaphon schwingt die Luftsäule der Röhren unter den Platten mit deren jeweiliger Frequenz. Und beim Menschen, der spricht, summt oder singt, dienen Brustkorb und Schädeldecke als Resonatoren. Doch damit nicht genug.

 

Mikro- und Makrokosmos

 

Über Instrumente und Sänger hinaus resonieren auch Luft und Wände der Aufführungsräume, die bestimmte Frequenzen verstärken oder dämpfen. Jede Raumakustik filtert den Klang und modifiziert dessen Stärke und Farbe. Bei Tonaufzeichnungen übertragen sich die Wechseldruckschwingungen des Schalls auf eine hochempfindliche Membran im Mikrophon, das die eintreffenden Wellen in elektrische Spannungsänderungen umwandelt, die dann digital oder analog aufgezeichnet werden können. Der so konservierte Klang kann dann über entsprechende Wiedergabetechnologien mittels schwingungsfähiger Lautsprechermembranen wieder als hörbare Vibration in die Luft übersetzt werden. Durch Reproduktionstechnik und Wiedergabeort gefiltert gelangen die Schallwellen schließlich zum Hörer, dringen über dessen Ohrmuscheln in die Gehörgänge des Außenohres bis zum Trommelfell. Der darauf resonierende Schall wird als Vibration im Mittelohr über Hammer, Ambos und Steigbügel auf eine Membran übertragen, die im Innenohr minimale Druckveränderungen der Schnecken-Flüssigkeit hervorruft, die endlich von rund 3500 Haarzellengruppen auf der Basilarmembran registriert und über den Hörnerv als Klangsignale an das Gehirn geschickt werden. Der Mensch kann auf diese Weise Frequenzen von etwa 20 Hertz bis 20 Kilo-Hertz sowie Schallstärken von -5 bis 130 Dezibel wahrnehmen und im sensibelsten Bereich zwischen 1000 bis 5000 Hertz Frequenzen bis auf einen 1/40-Ton genau unterscheiden. Das Gehörte findet endlich auch Anklang und Widerhall im menschlichen Gemüt, als Impression, Identifikation, Assoziation, Emotion, Erinnerung, Gedanke… Im Großen wie Kleinen bestimmen Resonanzen unser Leben, oder anders gesagt: Leben heißt resonieren.

        Wie der Mikrokosmos von Räumen, Mikrophonen, Instrumenten, Singstimmen und Hörorganen ist der Makrokosmos ein Resonanzraum. Der Weltraum besteht zwar aus einem Vakuum, ist also schalltot, dafür aber schwingen hier Licht-, Gravitations- und Radiowellen über riesige Distanzen und Zeiträume hinweg. Hochempfängliche Radioteleskope können im Universum zu Geschehnissen zurücklauschen, die sich zirka zweihunderttausend Jahren nach dem Urknall ereigneten, dessen gewaltige Explosionswellen noch heute als Echo durch die unendlichen Weiten grollen. Aus kleinen Stücken Klang zaubert schließlich Michael Denhoff große „Klangstücke“. Der Bonner Komponist und Cellist feiert am 25. April – 1955 in Ahaus geboren – seinen 65. Geburtstag, der wegen des zum Erliegen gekommenen öffentlichen Musiklebens infolge der Corona-Pandemie leider sang- und klanglos verstreichen wird. In seinem zwischen 2012 und 2018 entstandenen Zyklus „Re-Sonanzen“ lauscht Denhoff in das Raum-Zeit-Kontinuum irdischer Instrumente. Jedes seiner fünf „Klangstücke“ verwendet Aufnahmen weniger ausgewählter Klänge von fünf verschiedenen Instrumenten, die mit einem gängigen Audioprogramm bearbeitet wurden, so dass den Ergebnissen die instrumentale Herkunft kaum oder überhaupt nicht mehr anzuhören ist. Zeitliche Dehnungen und Stauchungen, Schnitte, Blenden, Montagen, Überlagerungen, Wiederholungen, Transpositionen, Reversläufe, Verhallungen und Lautstärkemanipulationen entdecken wie unter einem Rastermikroskop den ganzen Reichtum instrumentaler Farben, Obertöne, Schwankungen, Geräuschanteile, Unwägbarkeiten und natürlich verschiedener Resonanzen.

 

„Klangstück I“

 

„Klangstück I“ ist mit über zwanzig Minuten Dauer doppelt so lang als die mit zehn, neun oder sieben Minuten deutlich kürzeren „Klangstücke II–V“. Grundlage bilden kurze Passagen aus einem Mitschnitt von Denhoffs Klavierstück „Skulptur IV“ op. 76,4 (2003). Es handelt sich um die „akustischen Fenster“ des besagten Klavierstücks, in denen durch das jeweils zuvor Gespielte nur der Oberton-Nachhall aus einigen während des gesamten Stücks permanent ungedämpften Saiten nachklingt. Das Klavier ist in „Klangstück I“ folglich präsent und absent zugleich: Da das Stück ausschließlich auf elektronisch transformierten Aufnahme basiert, ist es kein „Klavierstück“, das ein Pianoforte und einen Pianisten erfordern würde. Die Elektronik zoomt vielmehr in den Kosmos des Resonanz-Systems Klavier, wo alle Aktionen und Bauteile durch Resonanzen interagieren. Eine schwingende Saite resoniert auf sympathetisch mitschwingenden anderen Saiten oder dem gesamten pedalisierten Saitenchor. Ebenso resonieren der dünne hölzerne Resonanzboden sowie Hammermechanik, Holz- und Gussrahmen. Da alle Anschläge und Einschwingvorgänge wegfallen und nur indirekt resonierende Töne und Akkorde verwendet wurden, resultieren jenseits der üblichen diatonisch-chromatischen Stimmung des Pianoforte reine Obertöne und Obertonspektren bis in den Bereich von Mikrointervallen hinein, die sich zu Interferenzen, Schwebungen und Rauheiten überlagern. Das wohltemperierte Klavier verliert dadurch über weite Strecken sein altvertrautes Timbre, um als instrumental-elektronischer Hybrid ungewohnt andere Intonationen und Klangfarben zu entfalten.

        Die Klänge schweben sphärisch, leuchten gläsern, gleißen metallisch oder tönen glockenartig. Manche Resonanz- und Obertonkombinationen klingen wie Gongs, Becken, Gitarren, Orgel oder Klarinette. Wieder andere wirken – obwohl rein instrumentalen Ursprungs – elektronisch generiert oder wie unter Wasser zum Schwanken gebracht. Das Klavier tönt wie ein vielfarbiges Orchester. Je nach dynamischer Abstufung und Farbe entstehen verschiedene Grade von Nähe und Ferne. Mal entfalten die Klänge große Energetik und Präsenz, als stehe das Klavier in unmittelbarer Nähe des Hörers. Mal scheinen die Klänge durch weite Hallräume zu schweben oder aus großer Ferne gegen den Wind herüberzutönen, verschleiert, schemenhaft, schwankend, mit unklarem Anfang, vagem Verlauf, offenem Ende. Im Vergleich mit den variablen Gestaltungsmöglichkeiten von Streich- und Blasinstrumenten gilt der Klavierton gemeinhin als starr, distinkt, unflexibel, irreversibel. Denhoff aber verleiht ihm ein unerwartetes Eigenleben, organisch, wandelbar, flatterhaft, stufenlos gleitend. Zuweilen überwinden die Klavierklänge sogar ihr unvermeidliches Diminuendo, indem sie unverhofft wieder anschwellen und zu neuem Leben erwachen. Gelegentlich hörbare Schleifgeräusche entstanden während der elektronischen Verarbeitung. Es sind eigentlich Störungen, die der Komponist jedoch akzeptierte und als reizvolle Kontrasteffekte gelten ließ.

         

„Klangstück II–V“

 

„Klangstück II“ liegen Aufnahmen eines Monochords zugrunde, bei dem sich der Steg längs der Saite über den Holzkorpus bewegen ließ. Die dadurch in zwei Abschnitte geteilte Saite erzeugt dann je nach Länge der Teilstücke zwei unterschiedliche Tonhöhen. Langsame Verlängerungen bzw. Verkürzungen der Abschnitte rufen dann eine langsam aufwärts und gleichzeitig eine langsam abwärts gleitende Tonhöhe hervor. Bei ruckartigen Bewegungen des Stegs schnell hin und her resultierten kleinstufige Tonhöhenwechsel in der Art eines Vibrato. Die elektronische Verarbeitung und Kombination mehreren Glissandi bewirkt unterschiedlich dichtes Gleiten und Kratzen wie auf Metall, Blech oder Glas. Mal entstehen weit gespannte Kantilenen wie von sphärischen Geisterchören oder singenden Walen tausend Meter unter dem Meer. Dann rotieren plötzlich sirrende Klänge wie elektrische Insekten durch den Raum. Indem sich die Töne überlagern, entstehen dichte Mixturen und zuweilen Intervallverhältnisse ähnlich den Formanten des natürlichen Obertonspektrums menschlicher Stimmen, so dass man gesungene oder gesprochene Vokale zu hören meint. „Klangstück III“ basiert auf Aufnahmen von fünf verschiedenen Gläsern, die in allen möglichen Kombinationen (4+3+2+1=10) angestoßen wurden und elektronisch verarbeitet wie Klangschalen, Gongs, Glocken oder andere Metallidiophone klingen. Ähnlich den Aufnahmen von Klavier und Monochord in „Klangstück“ I und II schichten sich die Grund- und Obertöne der Gläser in immer schnellerer Folge zu dichten Texturen wie bei György Ligetis „Mikropolyphonien“, die im Detail hochgradig differenziert sind, in ihrer äußeren Kontur, Dynamik und Verlaufsform jedoch statisch erscheinen. Den Schluss bilden wie zu Anfang einzelne Töne und sanfte Wirbel.

        Gänzlich anders ist „Klangstück IV“. Der Komponist nutzte hier eine für ihn persönlich wichtige Whatsapp-Sprachnachricht, die beim Hören des Stücks jedoch insofern keinerlei Rolle spielt, als die Sprache zu kompletter Unverständlichkeit verarbeitet wurde. Denhoff zerlegte sie in phonetische Bestandteile, dehnte und transponierte die Laute und ließ sie auch rückwärts ablaufen. Sprache verwandelt sich so komplett in Klang bzw. Musik. Konsonanten erscheinen als Reibegeräusche oder vielstimmiges Zischen, Flüstern, Fauchen. Vokale bewirken eher Summen, Brummen oder auch Stöhnen mit charakteristischer Färbung. Die Resultate wirken mal technoid und elektronisch wie von Sägen, Schleifgeräten oder unbekannten Apparaturen. Dann wieder erscheinen sie kreatürlich oder kehlig wie von verzerrten tibetanischen Mönchsgesängen. Am Ende meint man die Sphären des ptolemäischen Weltbildes zu hören, deren gläserne Schalen immer langsamer umeinander kreisen, bis das Planetensystem endlich zu völliger Entropie, Stille und Dunkelheit erstarrt. Das letzte „Klangstück V“ basiert auf Aufnahmen der Aliquod-Saiten einer Campanula, einem von Helmut Bleffert entworfenen und gebauten Instrument, das seiner Form wegen den lateinischen Namen der Glockenblume erhielt. Es verfügt über vier Spielsaiten mit derselben Mensur und Stimmung eines Violoncellos. Hinzu kommen allerdings noch sechzehn in Sekunden gestimmte Resonanzsaiten, die längs über den Korpus gespannt sind. Wie in „Klangstück I“ verwendete Denhoff auch hier nur Aufnahmen von Resonanzen auf diesen Saiten ohne Streich- oder Zupfvorgänge. Mikrotonal aufsteigende Tonfolgen durchdringen sich mit dichten Clustern über mehrere Saiten sowie impulsive Arpeggien. Gegen Ende hört man lang ausschwingende Töne wie von den Glockentürmen des untergegangenen Atlantis. Michael Denhoffs instrumentale musique concrète generiert einmal mehr aus wenigen Aufnahmen von Musikinstrumenten eine ebenso klanglich faszinierende wie zu poetischen Assoziationen anregende Fülle an Klängen, Strukturen, Räumen, Landschaften, Atmosphären. Und alles Klingen tönt unwillkürlich in uns Hörern weiter. Denn: Leben heißt resonieren. 

 

März 2020

(Eingabe ins Internet mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

Eine CD-Ausgabe ist für den Herbst 2020 beim Label emt geplant

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