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THEO BREUER 70

(über die Anfänge einer Freundschaft)

 

Von Michael Denhoff

 

 

- Zufall, oder? - 

 

Irgendwann – es muß zwischen 2017 und 2019 gewesen sein – stieß ich beim Schmökern im Internet auf diversen Lyrikseiten – es war wohl im Angebot des „Poetenladens“ – auf einen Text [1], der mir ob seines obsessiven, magisch insistierenden Worttaumels dem Alphabet entlang auffiel. Sein Autor: Theo Breuer, ein mir bis dahin unbekannter Name … was kein Wunder ist, bleibt es doch auch dem noch so sehr an Literatur Interessierten schlicht unmöglich, alle wichtigen Autoren (gerade auch der Gegenwart) zu kennen, zu unübersichtlich ihre Zahl … immerhin hat mir in der Vergangenheit die Neugierde immer wieder bisher nicht wahrgenommene Autoren zur eigenen Freude und Überraschung zugespielt.

Ich kannte einen Leo Breuer, ein längst verstorbener Bonner Künstler der konkreten Kunst, zu dessen Ehren (& Erinnerung an sein Werk) ein nach ihm benannter Kunstpreis hier in Bonn ausgelobt ist. – So fiel es leicht, sich den Namen zu merken: Theo statt Leo (was sich zudem schön reimt).

 

Als ich Anfang 2020 begann, die Textzusammenstellungen für die Abende des 12. Jahrgangs meiner musikliterarischen Reihe WORTKLANGRAUM [2] auszuwählen und vorzubereiten, fiel mir beim vorgesehenen Motto „taumelnd“ (für den ersten Mittwoch im Juni geplant) spontan wieder dieser Text ein, weil er mir irgendwie als passend in Erinnerung geblieben war. Schnell war dieser wieder im Netz gefunden und nach erneuter Lektüre als in der Tat ideal im konzipierten klingenden Umfeld empfunden. Nicht ermitteln konnte ich hingegen eine Adresse des Autors, den ich ansonsten gerne über meinen Plan informiert hätte.

 

Aber immer wieder gibt es denkwürdige Zufälle im Leben (… oder sind es gar überraschende übersinnliche Vorbestimmungen? – ich möchte fast daran glauben! …).

 

Das Jahr 2020 – wir erinnern uns – war ab März bestimmt durch ein Virus, das die ganze Welt auf den Kopf stellte (oder sollen wir besser sagen: „kopflos“ machte?) und derart verängstigte, daß ein Stillstand auf allen Ebenen des Lebens stattfand, verordnet von den Parlamenten. Mit einem ersten Lockdown trat ein, was man nicht einmal aus distopischen Kinofilmen kannte: soziale Kontakte wurden auf ein Minimum beschränkt („social distancing“ wurde zum Zauberwort, um die unsichtbare Gefahr dieses Virus’ einzudämmen). Schulen, Konzertsäle, Opernhäuser, Museen, Kinos, Sportstätten etc. wurden geschlossen.

 

Diesen Vorgaben fielen auch die Veranstaltungen meiner Reihe zum Opfer. Nach dem ersten Abend im Jahr 2020 mußten wir bis zur Aufhebung des Lockdowns pausieren, waren aber in Bonn der erste Veranstalter, der Anfang Juni sofort wieder mutig den Betrieb aufnahm! Der zunächst als WKR 92 geplante wurde so in der numerischen Zählung zum WKR 90 [3]. Um verängstigten Menschen zu ermöglichen, die Reihe auch ohne Anwesenheit zu verfolgen, entschieden wir uns, erstmals in der Geschichte der Reihe, das Konzert zudem live zu streamen.[4]

 

Und nun komme ich zum überraschenden Aspekt dieser Entscheidung zum Streamen der Veranstaltung: Wenige Wochen danach, am 21. Juli, erreichte mich eine E-Mail, die mit folgenden Worten begann: Lieber Michael Denhoff, das war eine feine Überraschung, als ich vor ein paar Tagen auf YOUTUBE die Übertragung der Veranstaltung fand, während der auch ein längerer Text von mir zum Vortrag kam.

Da hatte Theo Breuer nun also mich und meine Kontaktdaten ermittelt, um mir seine Freude mitzuteilen über das zufällige Stoßen auf diesen Konzert-Mitschnitt. Und er kündigte die Zusendung des Buches an, in dem dieser Text, dessen Rezitation durch den Schauspieler Timo Berndt ihm offensichtlich gefallen hatte, seine finale Gestalt gefunden habe.

Meine Freude über diese Worte war natürlich ebenso umfassend, und umgehend antworte ich, ihm in Gegenrichtung als Dank eine CD mit meiner Musik ankündigend.

 

So begann das, was bis heute anhält : ein schriftlicher Gedankenaustausch via E-Mail, den wir beide zu Beginn wohl nicht so, in dieser Ausdauer und Intensität erwartet hätten! [5]

 

 

- nicht mehr, nicht weniger -

 

Das Jahr 2020 war nicht nur ein Beethovenjahr (250. Geburtstag), welches allerdings durch zahllose Veranstaltungs-Absagen allerorten wegen der Pandemie ein sehr ausgedünntes Jubiläum wurde; es war auch ein Celan-Jahr (100. Geburtstag)! Und so war erwartbar, daß im schriftlichen Gespräch mit Theo Breuer dieser uns beiden so wichtige Autor ziemlich bald Thema werden sollte.

Theo schrieb mir über seine Pläne, einen Essay über Celan verfassen zu wollen, ihm allerdings ein rechter Zugriff bisher noch nicht gelang.

Ich erläuterte ihm, welch wichtige Rolle Celan schon seit der Schulzeit für mich spielte, und ich schickte ihm die CD mit meinem Klavierzyklus ATEMWENDE op. 49 [6], sieben Fantasien zu ausgewählten Gedichten aus dem gleichnamigen Gedichtband des Autors, der als erste groß angelegte künstlerische wie musikalische Auseinandersetzung mit Celan in den Jahren 1984 bis 1986 entstanden war.

 

Im fast täglichen Rhythmus gingen Mails hin und her. Neben Celan war dabei auch Hölderlin (wenn wundert’s?!) Gesprächsstoff.

Während eines sommerlichen Besuches in Tübingen – auch um mal wieder den mittlerweile völlig umgestalteten Hölderlin-Turm am Neckar zu besichtigen - erreichte mich seine Bitte, in den dortigen Antiquariaten nach einem Buch von Rolf Schroers (dem Roman „Jakob und die Sehnsucht“) zu suchen, es befände sich darin ein Portrait von Celan, fast alle Bücher, in denen Würdigungen oder andere literarischen Denkmäler zu Celan zu finden sind, lägen ihm vor, dies aber fehle ihm und er könne es nirgends finden.

Ohnehin wollte ich in Tübingen auch das stets inspirierende Antiquariat Heckenhauer, neben dem Hesse-Kabinett besuchen. Mein Stöbern dort brachte mir zwar einige Preziosen, u.a. ein Hölderlin-Facsimile, die Suche nach Schroers’ Roman blieb allerdings erfolglos. Das andere größere Tübinger Antiquariat hatte bereits geschlossen, als ich dort eintraf.

Immerhin konnte ich Theo aber zu seiner Überraschung mitteilen, daß Rolf Schroers, ein Autor, an den sich heute kaum noch jemand erinnert, mit meinem Schwiegervater [7] befreundet war. Und ich vermutete, das Buch habe sich sicherlich in der Bibliothek meines Schwiegervaters befunden. Diese ist allerdings in seinen wesentlichen Teilen nach seinem Tod 2005 nach Spanien und die Universität Bogotá in Kolumbien gegangen, so daß ich Theos Bitte nicht erfüllen konnte. Es wurde aber deutlich, wie intensiv er weiterhin seine Recherchen für den angedachten Celan-Essay verfolgte.

 

In einer morgendlichen Mail schrieb mir Theo am 15. August 2020 fast beiläufig im PS: Für den Celan-Essay, den ich mir seit vielen Monaten vorgenommen habe, fand ich vorgestern den Titel: "Paul Celan. Eine Vorstellung". Gestern schrieb ich 90 Minuten lang, um ernüchtert festzustellen: Es geht nicht. Es fehlt einfach die zündende Idee, der neue Ansatz.

Schon einen Tag später zur Mittagszeit raunte er in einer Mail etwas sybillinisch: wenn Sie wüßten! Aber davon - hoffentlich - später ...

Wer könnte es mir verdenken, daß ich neugierig wurde?! So gingen an jenem 16. August mehrere Mails von Bonn nach Sistig und in umgekehrter Richtung hin und her … und schon am frühen Abend bekam ich dies zu lesen: Was Sie vielleicht wissen sollten? Jetzt kann ich tatsächlich schon heraus mit der Sprache: Heute habe ich den ganzen Tag Ihr opus 49, simultan von Celan gesprochene Gedichte gehört und dazu den Text geschrieben, den ich mir so sehr wünsche. Es ist ein Essaygedicht von 7 Seiten (DIN A 5), heute morgen brach es sich plötzlich Bahn und wurde eben so ganz anders als bisher Geschriebenes - ganz so, wie ich es mir gewünscht habe und nicht ahnen konnte, daß es noch etwas wird.

 

So schnell können sich also die Voraussetzungen des Schreib-Prozesses unvorhersehbar ändern.

Mich beglückte und berührte zugegebenermaßen, daß offensichtlich das Hören meiner Celan-Musik als ‚Geburtshelfer’ fungieren konnte für einen in der Tat völlig ungewöhnlichen Text, der sich dem verehrten Autor Celan auf eine wohl einmalige und ungewöhnliche Art zu nähern versucht, eine Form wählt, die nur noch rudimentär die Form eines Essays erahnen läßt, in dem auch Zahlensymbolik eingewoben ist, und der dann doch in schon irgendwie vertrautem ‚Breuer-Sound’ (wie ich ihn schon in seinem Mayröcker-Text [8] vorgefunden hatte) selbst Literatur und Groß-Poem wird.

 

Den weiteren Feinschliff an diesem Poem ließ mich Theo mitverfolgen, er gönnte mir als erstem Leser somit einen Einblick in die Genese.

Ein ähnliches Vergnügen ist es, in einem handschriftlichen musikalischen Text anhand von Streichungen, Skizzen und dezenten Umgestaltungen dem Komponisten sozusagen bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können, und im Nachhinein seine Gedankengänge nachvollziehen zu wollen, wie das Werk zur finalen Gestalt kam. Hier nun war es eine Art ‚Wort-Partitur’, die durch ergänzte Binnenreime, durch Variantenbildungen, formale Gliederung und durch die für Breuer so signifikanten typographischen Elemente seine besondere Form fand … und vielleicht zu einem singulären Ereignis des Celan-Jahres wurde.

Hier ist er also, und er ist geworden und gemacht, wie er geworden und gemacht ist, nicht mehr, nicht weniger ..., mit diesen Worten überreichte mir Theo die vorläufige Endfassung via Mail-Anhang am 10. September 2020.

 

 

- gleichwohl ( in verhörenden zeiten ) -

 

Unterdessen war bei mir eine Anfrage des Leipziger Calmus-Ensembles eingegangen. Mehrere Komponisten wurden gebeten, für ein Mosaik-Projekt [9] des Gesangsensembles eine kleine Miniatur zu schreiben, die – auf welche Art auch immer – die Zeit und das Er-leben der Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen zum Thema haben sollten. (Letztlich lieferten 41 Komponisten.)

 

Mit Beginn dieser als sehr verstörend empfundenen Zeit hatte ich für mich beschlossen, diesem Ereignis keinen Zutritt in meine künstlerische Arbeit zu erlauben. Angefangenes blieb einfach auf unbestimmte Zeit liegen; ich wollte schweigen und abwarten. So verstörte zunächst auch diese Anfrage aus Leipzig … bis … ja, bis durch die vielen Gespräche über Celan mit Theo, mir wieder das Gedicht CORONA in den Sinn kam, welches ja bei Celan eine völlig andere, diametral entgegengesetzte Bedeutung hatte als in besagter Zeit allgegenwärtig in den Mündern und Köpfen der Menschen, in den Tagesnachrichten, in Warnungen und täglichen Zahlen zum Infektionsgeschehen.

Corona ist Sonnenkranz, Lichtschein, etwas Schönes, Feierliches oder auch Lustvolles, so war es von Celan gemeint … ein Liebesgedicht für Ingeborg Bachmann, Worte der Nähe, der Vereinigung in den Gedanken, mit erotischen Andeutungen …

In knapp zwei Wochen schrieb ich einen zweiminütigen Chorsatz, bei dem nur einzelne Zeilen des Gedichtes vertont oder gar nur geflüstert auftauchten, eine Allusion ferner Schönheit.

Mit dieser Musik konnte und wollte ich dem Wort Corona seine ursprüngliche Be-Deutung wieder zurückgeben, und mir selbst zurückerobern.

 

Durch eine besondere Widmung dieses Chorwerkes mit dem Titel …ZEITEN… : für das Calmus-Ensemble ( ... und für Theo Breuer im gemeinsamen Celan-Bedenken ... ) sollte diese Musik gleichzeitig ein klingendes Dankeschön sein für einen so intensiven und geistreichen / geistverwandten Gedankenaustausch, wie ich ihn zuvor mit niemand Anderem hatte. Am 29. September schickte ich Theo Breuer die in Reinschrift gebrachte Partitur.

 

Auch dieses kleine Werk eine ‚Frucht’, sozusagen die zweite, unseres gegenseitig so überraschend befruchtenden Dialoges binnen kurzer Frist.

 

 

- countertimecounter / gegenzeitzähler -

 

Einen guten Monat später, am 2. November 2020, begann ich ein Klavierstück zu notieren. Es war der Tag – viele haben es vergessen oder wollen es vergessen –, an dem der 2. Lockdown startete, und der Tag, an dem Kunstschaffende, Theater, Orchester, freie Ensembles und Musiker an vielen Orten und im Internet mit Videos unter dem Hashtag #sangundklanglos [10] mit originellen Beiträgen gegen die erneut beschlossenen Maßnahmen protestierten, vor den Folgen für das Kultur- und Privatleben warnten. Sie blieben von den Verantwortlichen überhört / nicht wahrgenommen. Wieder gab es ein de facto öffentliches Auftritts- und Berufsverbot für Künstler & Musiker. Auf die damit eintretende Stille auf allen Bühnen sollte / wollte sangundklanglos wörtlich hinweisen.

 

Ich nahm mir vor – auch, um nicht in ein entsprechendes Schweigen zu verfallen –, zumindest jeden Tag (zählend & quälend) jeweils einen Klang für Klavier zu notieren, anknüpfend, fortsetzend, in beklemmender Langsamkeit. In ungewöhnlichen Zeiten wollte ich eine ebenso ungewöhnliche Musik entstehen lassen, die nicht nur die jeweiligen Etappen der zunehmenden Einschränkungen der persönlichen Freiheiten (und die damit einhergehenden Gefühle & Gedanken) in der kompositorischen Struktur nachzeichnet, einfängt und widerspiegelt, sondern gleichzeitig auch eine akustische Gegenwelt / Gegenzeit in Klängen entwirft: countertimecounter.

 

Am 24. April 2021 – der Lockdown dauerte bereits 173 Tage (bei meinem countertimecounter 173 Klänge) – trat eine weitere Verschärfung der Maßnahmen mit völlig absurden Ausgangssperren ein. Tags zuvor konnte ich immerhin noch in Köln die UA meines ebenfalls in diesen verschatteten Zeiten nebenher dann doch zu Ende geschriebenes Sextetts für zwei Klarinetten und Streichquartett "... immerhin ..." op. 120 bei einem 'Geisterkonzert' [11] hören, erklingend nur für die Mikrophone des DLF. Ich entschloß ich mich, dieses extrem radikale Klavierstück an diesem Tag sozusagen 'unvollendet' enden zu lassen, denn eigentlich sollten die Tagesklänge erst dann enden, wenn das öffentliche Auftrittverbots für Künstler wieder endete … und vertraute menschliche Kommunikation wieder möglich würde …

 

Denkwürdigerweise ging das MOSAIK-Projekt des Calmus Ensembles mit meinem Beitrag nur zwei Tage später, am 26. April, online (… ebenfalls eine nur virtuelle Uraufführung der 41 Kurzkompositionen).

 

In der gesamten Coronazeit blieb diese Zeit mit all ihren kafkaesken & orwellschen Absurditäten als Thema in unserem Dialog weitestgehend ausgeblendet, Theo wünschte es sich so. Schließlich gab es ja genügend Erfreulicheres auszutauschen.

Aber er bekam die Noten dieses neuen Klavierwerkes, weil ich diesem vier (auf die Klänge einstimmende) Zitate voranstellte, nicht ganz unähnlich wie Theo es bei seinen Gedichten zu tun pflegt. Eines der Zitate von ihm:

- Gefühl vom Ende einer Welt, außerhalb derer ich nicht mehr atmen könnte. (Philippe Jaccottet)

- Ich muß so weit kommen, daß ich noch weiter komme. (Peter Handke)

- gleichwohl ( in verhörenden Zeiten ) (Theo Breuer)

- Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit. (Axel Kutsch)

 

Bis zur ersten Aufführung vergingen gut eineinhalb Jahre. Am 19. November 2022 spielte die taiwanesische Pianistin Yin Chiang countertimecounter erstmals öffentlich in einem Lunchkonzert in der Kunststation St. Peter in Köln. Einen Link zu meinen privaten Videomitschnitt schickte ich umgehend nach Sistig.

Keine Antwort darauf von Theo; ich wunderte mich, denn zuvor reagierte er stets ziemlich prompt auf Zusendungen neuer Musik, beschrieb in knappen Worten seine Höreindrücke. – In unserer Korrespondenz ging es in den Tagen statt dessen um Anderes: neben Gedanken zur eigenen inneren Befindlichkeiten, Erfahrungen & Einsichten angesichts zunehmenden Alters auch z.B. um den soeben verstorbenen Hans Magnus Enzensberger, dem frisch erschienenen Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch, über eine leider nur mäßig besuchte Lesung von Michael Donhauser in einer Bonner Buchhandlung und nicht zuletzt um die kurz vor der Veröffentlichung stehende „Literatour 22“ [12], Theos gut 120-seitiger, siebenteiliger Essayzyklus, welcher als E-Book am 1. Dezember auf zwei Internetportalen online ging: Buchrezensionen vom begeisterten Leser Theo Breuer in anregendem, enthusiastischem Tonfall zum eigenen Lesen empfohlen.

 

Dann, am 9. Dezember, fand ich in meinem elektronischen Postfach zu meiner Überraschung folgendes (es sei hier in Gänze zitiert):

Lieber Michael : 

Alles hat seine Zeit - und : Gut Ding will Weile haben.

Seit drei Tagen kämpfe ich mit einem Gedicht, habe sogar (was ich noch nie getan habe) Norbert Scheuer eingeschaltet, der gestern am späten Abend mit einem guten - und wichtigen - Vorschlag reagierte ( "es" statt "man"). Interessanterweise sprach er von der politischen Dimension des Gedichts ("Deine Gedichte werden immer politischer"), die ich weder beabsichtigt hatte noch erkannt hatte. Aber sie klang an. Nun gut, dachte ich, wenn du das so siehst.

Heute morgen um 6 Uhr stand ich auf, wollte, nachdem ich eine Nacht lang über den Vorschlag geschlafen hatte, "man" durch "es" ersetzen.

Öffnete das Notebook und suchte - traumwandlerisch - countertimecounter, lauschte 18 Minuten lang, hörte das Stück erneut (ich hatte mittlerweile begonnen, am Gedicht zu arbeiten, "man" durch "es" ersetzt). Und weiter – traumwandlerisch und doch mit hochbewußt geschärftem Blick – ergänzte ich hier ein Wort, löschte dort zwei Wörter, fügte einen Vers hinzu. Am Ende stand da ein ganz neues Gedicht, und ja, Norbert Scheuer hat es wohl gespürt, was da hinter den Wörtern, hinter den Versen schlummerte: Denn jetzt ist es ein Musikgedicht, das - auch - eine klare politische Aussage hat, die, was gut ist, kaum ein Leser erkennen wird. Und diese nun gültige Fassung des Gedichts verdanke ich zum einen Norbert Scheuers "es", vor allem aber dem insgesamt sechsmaligen Hören von countertimecounter. 

Ich glaube, daß mir selten eine "Reaktion" so geglückt ist.

Also, lieber Michael : Vorschlag zur Blüte : Seite 200. [13]

Theo

 

Wie Norbert Scheuer spürte auch ich sofort das in diesen Versen Schlummernde.

Ja, dort kam zu Worten, was mich zu den Klängen gedrängt / gezwungen hatte. Selten habe ich mich so tiefgreifend verstanden gefühlt. Für mich ein sehr bewegender Moment, ein Lese-Ein-Druck, den ich kaum in eigene Worte zu fassen vermochte! –

Wie ich ist auch Theo ein Zahlenmensch … irgendwann – nur zum Spaß – zählte ich die Buchstaben des Gedichtes: es waren 173 !!! – Zufall? – oder? –

 

 

- zeilenleise zeitenweise -

 

Ich springe zum Schluß in die nähere Vergangenheit:

Im vergangenen Jahr lud ich Freunde und die interessierte Öffentlichkeit zu einem Konzert am 26. April anläßlich meines 70. Geburtstages in die Trinitatiskirche in Bonn-Endenich. Unter dem Titel „letzte Klänge“ erklangen meine vier letzten Instrumentalwerke [14] opp. 119 - 122, darunter auch countertimecounter und das Sextett [15] …immerhin…, welches eigentlich erst hier seine wirkliche Uraufführung erlebte, da die Aufführung in Köln ja ohne Publikum stattfinden mußte.

Das Programm sollte durchaus doppelsinnig verstanden werden: letzte Klänge als tatsächlich die jüngst entstandene Musik, aber auch als das möglicherweise Letzte, das ich komponiert habe, das Ende der musikalischen Arbeit. Denn immer dringlicher hatte ich das Gefühl, mit dem radikalen Klavierstück sei ein in sich stimmiges Ende gefunden, ein Werk mit dem ich guten Gewissens von der Bühne abtreten könnte.

Bestärkt hatte mich der Zufall, daß auch Brahms [16] sein Oeuvre mit einem Opus 122 beendet hatte.

 

Natürlich war auch Theo informiert, aber ich rechnete nicht mit seinem Kommen. So zurückgezogen wie er seit ein paar Jahren in der Eifel, in dem von ihm im ganzen Haus eingerichteten BuchKunstWerk [17] lebt, war es auch nie zu einem gegenseitigen Besuch oder Treffen gekommen.

Dann aber die gelungene Überraschung: er stand plötzlich und unerwartet vor mir, als ich die eintrudelnden Gäste im Vorraum der Kirche begrüßte. Die erste Begegnung von Angesicht zu Angesicht! Lange und ausführlich, fast übermütig plauderten wir beim anschließenden Buffet miteinander und Theo hatte sichtlich Freude daran, Martella (meine Frau) und auch eine ganze Reihe meiner Freunde kennenzulernen, von denen er zuvor nur in unserer Korrespondenz gelesen hatte. So wurde dieser 70. Geburtstag ein für mich sehr besonderer.

 

Nun, mit knapp einjährigem Abstand wird auch Theo Breuer am 30. März 2026 sein 70stes Lebensjahr vollenden können. Ich weiß, Geburtstage und andere Feiertage sind ihm nicht wichtig; er wird wohl nur im Kreis der engeren Familie sich feiern lassen. Dennoch: ich werde mit herzlicher Verbundenheit und tief empfundener Nähe & Freundschaft bei ihm sein, großzügig bereichert von unserem schon länger andauernden Gespräch, wovon das hier Aufgezeichnete ein wenig künden möchte.

 

Der hintersinnig tiefgründige Sprachwitz seiner Dichtung wird mich immer wieder, weiter und weiter in Bann ziehen / halten, immer wieder erheitern, wie in einem seiner besonders knappen doppelbödigen, nur zwei Worte umfassenden Gedichte:

 

unendlich

 

endlich

 

 

Bonn, am 4. 2. 2026

 

 

 


[1] Überschwemmt, die Lust am Taumel · Im atmenden Alphabet für Friederike Mayröcker - Von Theo Breuer

(https://www.poetenladen.de/theo-breuer-friederike-mayroecker-lust-am-taumel.htm)

[2] Diese seit 2009 stattfindende Reihe im Bonner „Dialograum Kreuzung an St. Helena“ interpolierte überwiegend Neue Musik mit Neuer Literatur, stets unter dem gedanklichen Dach eines Mottos miteinander verbunden. Im Mai 2022 endete das Format mit der 100. Ausgabe.

[3] Eine Übersicht über den von der sog. „Corona-Krise“ so gebeutelten 12. Jahrgang ist hier einzusehen: https://www.wortklangraum.de/wortklangraum2020.htm

[4] Bis heute kann man den Mitschnitt auf YouTube nachschauen: https://www.youtube.com/watch?v=KQNhILCRPLU  (ebenso alle folgenden Abende bis zum Ende der Reihe mit der 100. Ausgabe im Mai 2022).

[5] Recht bald war mir klar, daß hier etwas Besonderes, besonders Wertvolles für mich stattfand, so daß ich einen Extra-Ordner für unsere Korrespondenz anlegte. Heute (Stand 25. Januar 2026) umfaßt dieser Ordner mittlerweile erstaunliche 1234 Nachrichten (… welch schöne, das Zählen selbst darstellende Zahl!).

[6] CD-Einspielung mit dem Pianisten Richard Braun (Ina -Klavins Music, KM 09 CD).

[7] Rafael Gutiérrez-Giradot; er war bis zu seiner Emeritierung Dekan des hispanischen Seminars der Bonner Universität, über ihn habe ich auch Rolf Schroers bei einem Besuch in dessen Alterssitz in der Nähe von Münster persönlich kennenlernen können.

[8] Er selber spricht gerne vom typischen, ihn fesselnden ‚Mayröcker-Sound’.

[9] Mosaik – 41 Statements zur Coronazeit. (https://calmus-mosaik.de/)

[10] Die Idee zu dieser Initiative war von den Münchner Philharmonikern ausgegangen. Der BR berichte: https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/sang-und-klanglos-aktion-musiker-kuenstler-corona-100.html

Unter #sangundklanlos sind auf YouTube zahllose Beiträge bis heute nachschaubar.

[11] Im Saal durften nur die vier Komponisten der entsprechenden vorgesehenen Uraufführung sitzen. Der DLF zeichnete es für eine spätere Sendung auf. Ein Video-Mitschnitt des Veranstalters (Japanisches Kulturinstitut Köln) ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=XG5pGk6Moyw .

[12] Über das Internetportal des POP-Verlages hier zu finden: https://wp.pop-verlag.com/?3d-flip-book=theo-breuer-l%c2%b7i%c2%b7t%c2%b7e%c2%b7r%c2%b7a%c2%b7t%c2%b7o%c2%b7u%c2%b7r-22 .

[13] besagtes Gedicht hatte Theo Breuer zunächst als Postskrptum an das Ende des Gedichtbandes „Vorschlag zur Blüte“ in der letzten Fassung vor der Veröffentlichung angehängt, so bekam ich es als PDF. Letztlich ist es nun im Druck auf der Seite 195 zu finden.

[14] Das detaillierte Konzertprogramm ist hier zu finden: https://www.denhoff.de/pdf-dateien/letzteklaenge260425.pdf .

[15] Auch diesem Sextett ist übrigens u.a. ein kurzes Breuer-Zitat vorangestellt.

[16] Die Trinitatiskirche liegt denkwürdigerweise an der Brahms-Straße.

[17] So nennt Theo Breuer gerne seine Bibliothek. Am 22. Juli 2025 konnte ich dieses Universum der Literatur, der Kunst und des Geistes selbst einmal vor Ort in Augenschein nehmen, nachdem er mich sehr spontan dazu einlud.

 

 

[erschienen in: MATRIX – Zeitschrift für Literatur und Kunst, Heft 83 – 1/2026]

 

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